Quicknavigation

Home | Impressum | Sitemap

Volltextsuche

Seitenoptionen

Schrift:
MedJob Südholstein

 

 

Informationen zur Fachkräftekampagne finden Sie hier.

Gesundheitsberufe

 

 

 


Lust auf einen Job im Gesundheitswesen?
Hier gibt´s Informationen.

www.medjob-sh.de

Fort- und Weiterbildung

Entdecke deine Fähigkeiten und bilde dich weiter!

Zum Informationsmaterial 

 

 

 

Standortprofil Südholstein

Zahlen, Daten, Fakten zur Region finden Sie hier
Gesundheitspark Bad Segeberg

Blick auf den Großen Segeberger See

Aktueller Stand der Seepromenade!

 

Seiteninhalt

Telemedizin und Medizintechnik - Intelligente Implantate -, 2010

Intelligente Implantate
6. Veranstaltung Telemedizin und Medizintechnik in der Zukunft
27.10.2010, IHK zu Lübeck

Vorträge:

Life Science Nord: Medizintechnik auf Innovationskurs
Dr. Kathrin Adlkofer, Norgenta Norddeutsche Life Science Agentur GmbH

Intelligente Implantate in der Kardiologie - Aktuelle Trends und Potenziale
Prof. Dr. med. Gert Richardt, Segeberger Kliniken GmbH

Bioabbaubare metallische Gefäßstütze
Dr. Claus Harder, Biotronik SE & Co. KG, Berlin

Back to basics: Telemedizinische Patient-Arzt-Interaktion des «intelligenten« Fixateur externe
Dipl.-Ing. Robert Wendlandt, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

Das intelligente Implantat in der Osteosynthese
Prof. Dr. Dietmar Wolter, Litos GmbH & Co. KG

Podiumsdiskussion: Von der Idee zum marktfähigen Produkt

Dr. Hellmut Körner, Staatssekretär a. D.
Dr. Ralph Tölg, Segeberger Kliniken GmbH
Nils Reimers, Stryker
PD Dr. Maximilian Faschingbauer, Berufsgenossenschaftliches Unfallkrankenhaus Hamburg

Programm, 27.10.201

Begrüßung

Dr.-Ing. Klaus Westphal, Gesundheitsregion Segeberg

Dr. Westphal begrüßte die knapp 80 Gäste und Mitwirkenden im Namen der Veranstalter und gab anlässlich der 6. Veranstaltung einen kleinen Rückblick auf die Reihe.
Im Jahr 2005 wurde die Veranstaltung zum ersten Mal von der Industrie- und Handelskammer zu Lübeck, von der Handelskammer Hamburg und der Gesundheitsregion Segeberg durchgeführt. Im weiteren Verlauf beteiligten sich die beiden Ärztekammern aus Hamburg und Schleswig-Holstein, die Norgenta, die Behörde für Soziales, Gesundheit und Verbraucherschutz aus Hamburg und MedComm, Regionalmanagement Gesundheit Südholstein.
Zielsetzung der Veranstaltungsreihe ist, sowohl Mediziner als auch Unternehmer anzusprechen und einen besseren Kontakt zwischen Anwendern, Entwicklern und Produzenten zu ermöglichen. Anforderungen aus der Praxis sollen in die Forschung und Produktion, Produkte und Möglichkeiten aus den Unternehmen in den Versorgungsalltag kommuniziert werden.
In einem kaleidoskopartigen Überblick stellte Dr. Westphal die Vielfalt der bisherigen Themen dar:

  • bildgebende Diagnostik
  • eHealth und Gesundheitstage
  • Highlights aus dem Ausland, z.B. Dänemark
  • Homecare
  • Zukunft der Gentherapie
  • Diabetes im Ärztehaus Hamburg mit dem Besucherrekord 160
  • Schwerpunktthema Lunge im Forschungszentrum Borstel im besonderen Ambiente des Herrenhauses
  • Intelligente Implantate in der Industrie- und Handelskammer zu Lübeck

Die Referentenliste aus den Veranstaltungen ist eindrucksvoll – immer wieder ist es gelungen, norddeutsche Spitzenunternehmen und Versorger in die Veranstaltung zu holen und innovative Themen zu bearbeiten. Möglich wurde dies durch die gemeinschaftliche Organisation der Veranstalter. Dr. Westphal wünschte für die Veranstaltung ein gutes Gelingen und sprach den Referenten und Organisatoren seinen herzlichen Dank aus.

Begrüßung und Moderation

Dr. Bartmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein

Dr. Bartmann begrüßte die Anwesenden und „outete“ sich als Befürworter der Telemedizin. Er beschrieb seine Beobachtung, dass das gesamte Thema „eHealth“ oder „Telematik“ als Summe der Anwendungen, die in der Medizin Telekommunikation und Informatik verwenden, durchaus nicht immer begeistert aufgenommen wird. Dabei beobachtet er persönlich eine besonders starke Ablehnung des Begriffs „Telematik“, der automatisch mit der elektronischen Gesundheitskarte verbunden werde, die von Leistungserbringern fast durch die Bank als gescheitert und als Negativbeispiel betrachtet wird. „Politisch gewollt, industriell getriggert, und dann nach einer Anwendung, einem Nutzen suchen“ – das sei nicht der richtige Weg. Mit der Telemedizin verbindet er den besseren Weg: Mediziner beschreiben einen Bedarf, die Industrie entwickelt die passenden Produkte dazu. Damit übergab er das Wort an Dr. Kathrin Adlkofer.



Dr. Kathrin Adlkofer, Norgenta Norddeutsche Life Science Agentur GmbH

Dr. Adlkofer stellte den Schwerpunkt Implantologie aus Sicht der Norgenta vor. Die Norgenta widmet sich als Clustermanagement den Branchen Medizintechnik, Biotechnologie und Pharmaindustrie und agiert damit klassisch in den Zulieferindustrien der Gesundheitswirtschaft, vor allem im Bereich der Innovation und Forschung. Die Aufgabe der Branchenbetreuung besteht in der Unterstützung bei

  • Förderung
  • Projekten
  • Netzwerken
  • Marketing

und zwar nicht nur als Dienstleistung für Unternehmen, sondern auch in der Beratung von politischen Entscheidungsträgern. Dr. Adlkofer betonte, wie wichtig das in diesem komplexen Feld ist, damit durch eine optimale Wirtschaftsförderungspolitik Innovationen und Exzellenz unterstützt werden können. Die Ausrichtung der Norgenta ist international. Um große Innovationen erfolgreich auf dem Markt platzieren zu können, sind Global Player erforderlich, die den teuren Entwicklungs- und Zulassungsprozess finanzieren können. Die Norgenta kann durch die Zusammenarbeit der Länder Hamburg und Schleswig-Holstein die kritische Masse erreichen, die für die internationale Wahrnehmung und das Bestehen in diesem Wettbewerb notwendig sind. Dabei betonte sie: Die großen internationalen Partner sind wichtig – der Life Science Bereich wird aber wesentlich durch kleine und mittlere Unternehmen getragen. Nur im Zusammenwirken kann dann eine Exzellenz des Standorts erreicht werden, die konkurrenzfähig ist – und hier gilt es bereits innerhalb Deutschlands, sich vom starken Süden abzuheben.
Dr. Adlkofer machte an Beispielen zu Exzellenzclustern, Leuchtturmprojekten und Netzwerken deutlich, wie gut Norddeutschland aufgestellt ist. Im Bereich der Medizintechnik sind besonders die Themen Bildgebung, Präzisionschirurgie und Implantologie Stärken des Nordens. Dabei beschrieb sie, dass Projekte sehr häufig an den Berührungspunkten der drei Branchen MedTech, BioTech und Pharma angesiedelt sind. Die übergreifende Ausrichtung der Norgenta auf diese Bereiche und die gemeinsame Arbeit der beiden Bundesländer Hamburg und Schleswig-Holstein nannte sie abschließend als die entscheidenden Erfolgsfaktoren des Konzepts Life Science Nord.

Vortrag Dr. Adlkofer

Dr. Bartmann und Prof. RichardtProf. Gert Richardt, Herzzentrum der Segeberger Kliniken Gruppe

„Internistische Kardiologen rütteln an der Streichholzschachtel und raten, wie viele drin sind, Herzchirurgen machen die Schachtel auf und zählen nach“ – so von Dr. Bartmann eingeführt, stellte der Chef eines der größten Herzzentren in Norddeutschland Möglichkeiten der Implantologie in der Kardiologie vor. Auch für den Nichtmediziner verständlich legte er sehr anschaulich dar, welche therapeutischen Optionen die Implantologie in den Arbeitsbereichen der Kardiologie bietet:

  • Koronare Herzerkrankungen: Einsatz von Stents (Gefäßstützen)
  • Herzrhythmusstörungen: interne Schrittmacher und Defibrillatoren
  • Herzklappenfehler: prothetische Herzklappen
  • Herzinsuffizienz: Monitoring mit Implantaten, Kunstherzen

Es gibt kritische Stimmen, die den Herzchirurgen „Klempnerei am Herzen“ vorwerfen und befürchten, dass nur die Faszination der Möglichkeiten zu ihrem verstärkten (und zum Teil unnötigen) Einsatz führt. Richardt stellte klar, dass auch der Einsatz minimal-invasiver Verfahren und moderner Implantate nicht frei von Komplikationen ist. Dennoch ist eindeutig belegt, dass die schonenden Methoden vielen Hochrisikopatienten, die einen offenen Eingriff am Herzen nicht überleben würden, eine Chance auf längeres Leben in relativer Beschwerdefreiheit ermöglichen.
Eine wichtige Komplikation beim Einsatz von Stents ist die Re-Stenose, d.h. ein erneuter Verschluss des Gefäßes durch die Überwucherung des Implantates mit innerer Gefäßhaut. Hier stehen die Kardiochirurgen vor einem Dilemma: einerseits ist ein Einwachsen des Implantats erwünscht, weil das Abstoßungsreaktionen und Verrutschen reduziert. Andererseits führt eine zu starke Überwucherung eben zum Problem des Wiederverschlusses - genau diese Problematik ist Ausgangspunkt für die Forschung zu den im nächsten Vortrag dargestellten bioabbaubaren Stents.
Schließlich stellte Prof. Richardt klar, was ein Intelligentes Implantat ist: es kann selbst die individuelle Situation des Trägers messen und dem Bedarf entsprechend ein autark reguliertes Therapieprinzip umsetzen.
Damit sprach er den Stents die Intelligenz ab – billigte sie jedoch in umso höherem Maße deren Entwicklern zu!
Sein Fazit: Implantate in der Kardiologie sind neben der Entwicklung im pharmazeutischen Bereich der entscheidende Treiber für den Fortschritt in den therapeutischen und diagnostischen Möglichkeiten in der Kardiologie.

Vortrag Prof. Richardt

Dr. Claus Harder, Biotronik SE und Co. KG

Dr. Harder bestätigte gleich zu Beginn seines Vortrags zwei Kommentare aus dem Plenum, die die Wichtigkeit der Zusammenarbeit zwischen Entwicklern und Klinikern bereits in frühen Stadien der Produktentwicklung betonen. Auch bei den ersten Einsätzen neuer Produkte und Technologien seine die Entwickler vor Ort um die Mediziner in der Anwendung zu unterstützen und auftretende Probleme gleich wahrnehmen und berücksichtigen zu können.Dies treffe auch in besonderem Maße für die Entwicklung von Implantaten zu.Dr. Harder stellte die metallische absorbierbare Gefäßstütze vor. Ausgangspunkte für die Entwicklung des Produkts sind
die bereits von Prof. Richardt beschriebene Komplikation (Re-Stenose des Stents)
die Einschränkung der Gefäßbeweglichkeit eines permanenten Implantats
die Gefahr der Abstoßungsreaktion und die dagegen erforderliche Medikation
und die schlichte Tatsache, dass ein Stent bei erfolgreicher Therapie der Stenose überflüssig wird.

 

Dr. HarderDie Anforderungen an das Material der neuen Stents klingen erstmal einfach und nachvollziehbar: Mechanik (Stabilität, Belastbarkeit), Biokompatibilität (auch der Abbaustufen des Materials) und Absorbierbarkeit.Potenzielle Materialien, die diese Anforderungen erfüllen können, sind Polymere und Metalle. Ganz anschaulich demonstrierte Dr. Harder am Beispiel des erforderlichen Durchmessers für eine vergleichbare Stabilität die Unterschiede zwischen den Materialien (Metalle kommen aufgrund der geringeren Elastizität mit einem wesentlich kleineren Durchmesser aus). Für Implantate, die durch dünne Schläuche über die Adern eingeführt werden sollen, ein wesentlicher Faktor!Die Lösung der Firma Biotronik ist eine Magnesiumlegierung. Sie erfüllt die genannten Anforderungen in hohem Maße. Zusätzlich arbeitet die Firma mit einer medikamentösen Beschichtung. Sie erreichen damit eine Reduktion des Epithelwachstums (Vermeidung der Überwucherung und Re-Stenose) und eine Stärkung des Muskelgewebes des Gefäßes und damit der Gefäßwand. Faszinierend auch die Möglichkeiten in der Bildgebung: die neuen Stents sind mit Röntgenstrahlen nicht sichtbar, ermöglichen dadurch eine Darstellung des tatsächlichen Durchflusses des Blutes durch den Stent – bei konventionellen permanenten Stents bisher so nicht möglich. Mittlerweile hat das Unternehmen den ersten „First In Man“ Versuch gestartet, also die erste klinische Testreihe am Menschen nach erfolgreichen Tierversuchen, im Rahmen einer internationalen multizentrischen Studie. Harder betonte, dass ohne diese aufwändigen Tests eine künftige Erstattung der Therapie durch die Krankenkassen nicht möglich sein werde.Ob er denn damit rechne, wurde aus dem Publikum gefragt. Dr. Harder zeigte sich zuversichtlich. Wichtigste Argumente seien der klinische Nutzen und die Kosteneffizienz und da erhofft er sich von seinem neuen Produkt besonders durch weitere Reduktion von Komplikationen und verbesserte Verträglichkeit nachweisbare Einsparungen.

Vortrag Dr. Harder

Robert Wendlandt, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

Nach angeregten Gesprächen in der Kaffeepause folgte der nächste spannende Vortrag: Back to basics – telemedizinische Patient-Arzt-Interaktion des „intelligenten“ Fixateur externe. Was verbarg sich hinter diesem etwas sperrigen Titel? Robert Wendlandt stellt damit die Bedeutung der direkten Kommunikation zwischen Arzt und Patient in den Vordergrund – die Technik dient nur als Hilfsmittel, um die therapeutischen Möglichkeiten zu verbessern – und hier ist eben auch Potenzial in einer verbesserten Kommunikation zu heben.
Zunächst einmal führte er in das Thema Fixateur externe ein: es handelt sich um ein äußeres Stützsystem, welches durch in den Knochen eingebohrte Pins Frakturen überbrücken kann. Besonders geeignet ist diese Variante bei Frakturbehandlungen, Extremitätenverlängerungen und der Korrektur von Fehlstellungen, denn: der Fixateur ist ja von außen zugänglich und manipulierbar. Dabei ist diese Methode nicht ganz neu, sie wird gerne bei großen offenen oder infizierten Wunden eingesetzt (interessant auch: sie hat in Ländern, in denen ein geringerer Hygienestandard herrscht, z.B. in Schwellenländern eine hohe Verbreitung).
Das Produkt, an dem der Forscher arbeitet, ist dennoch etwas Besonderes: zum einen durch den Aufbau. Der „Hexapode“ besteht aus zwei Ringen, die die Extremität umspannen und in den Knochen verankert sind, und die durch dreieckig angeordnete Streben in allen räumlichen Dimensionen gegeneinander verschiebbar sind.
Dadurch können die nach einem Bruch verschobenen Knochenenden wieder korrekt aufeinander ausgerichtet werden. Erfolgreich erprobt wurde das System mit manuell verstellbaren Rädchen in den Streben. Das erforderte jedoch eine sehr gute Mitarbeit des Patienten über einen Zeitraum von bis zu sechs Monaten: viermal täglich muss er an den sechs Rädchen nach einem festen Plan Drehbewegungen ausführen, um den Knochen nach dem festgelegten Korrekturpfad wieder in die richtige Position zu bringen. Die Entwickler griffen daher auf moderne Robotik zurück und verpassten dem Fixateur sechs kleine Motoren, die durch ein Mikrocontrollerbasiertes System die Bewegung gleichzeitig und kontinuierlich durchführen und damit auch eine schmerzärmere Behandlung ermöglichen.
Doch das System hat noch weitere Pluspunkte. Bei der Operation wird zunächst der einfache mechanische Fixateur eingebaut. Warum? Motoren und Sensoren, die das neue System benötigt, müssten sterilisiert werden um in den OP zu dürfen – das würde den Preis enorm in die Höhe treiben. So können günstige konventionelle Motoren einfach nach der Operation von außen eingebaut werden, hier zeigt sich, wie wichtig eine enge Zusammenarbeit mit den Praktikern ist, so dass solche Aspekte von vorneherein berücksichtigt werden. Auch bei den elektronischen Komponenten setzen die Forscher auf bewährtes: sie verwenden gängige Software und Schnittstellen und erreichen damit, dass die Sensordaten (gemessen wird die auf den Knochen einwirkende Belastung) über Bluetooth auf das Mobiltelefon des Patienten und von dort aus per Mail in das Postfach des behandelnden Arztes geschickt werden. Und diese Kommunikation ist in beide Richtungen möglich: der Arzt kann per Mail die Bewegung der Motoren steuern!
Da wurden natürlich Zweifel an der Sicherheit aus dem Publikum laut. Wendtland bestätigte, dass dort noch Herausforderungen bestehen. Er betonte aber auch, dass seine Forschungsgruppe das Ziel hatten zu zeigen, mit welchen einfachen Mitteln solche innovativen Therapiekonzepte durch eine moderne Kommunikation umgesetzt werden können, und durch die Stärkung der Therapietreue des Patienten echte Reserven in der Behandlungsdauer und -qualität ausschöpfen können.

Vortrag Herr Wendlandt

Prof. Dr. Dietmar Wolter, Litos GmbH & Co. KG

Litos-Firmengründer Wolter brachte zu Beginn seines Vortrags das Wesen des Intelligenten Implantats auf den Punkt: “Messen – Dokumentieren – Reagieren”. Nach der Darstellung des Fixateur externe durch Wendlandt stellte er den Fixateur interne seiner Firma vor. Zunächst einmal „plauderte“ er aber fundiert aus dem Nähkästchen und machte deutlich, mit welcher starken Tradition das Thema Implantate in der Orthopädie und Unfallchirurgie im Norden vertreten ist. Die erste Platte (Hausmann, 1886), der erste Marknagel (Küntscher, 1939), die Erfahrungen mit dem manuellen externen Fixateur im schleswig-holsteinischen Krieg (von Langenbeck, 1848) – alles Erfindungen aus dem Norden, auf deren Basis die heutigen hochmodernen Technologien fußen und die in der ganzen Welt angewendet werden.
Und trotz dieser langen Tradition und Verwendung gibt es stetige Weiterentwicklungen und Innovationen, wie er am Beispiel des winkelstabilen Fixateur externe deutlich machte. Unter Winkelstabilität verstehen die Experten die flächenhafte Lastenübertragung zwischen Knochen und Implantat. Herkömmliche Produkte arbeiten mit separaten Platten und Schrauben und lassen Mikrobewegungen zu, die die feinen Strukturen der sich neu aufbauenden Knochenbälkchen immer wieder zerstören können. Bei „normalen“ Patienten kann der Heilungsprozess dennoch stattfinden – bei Patienten aber, bei denen das Knochenwachstum geringer ist, und sich Heilungsstörungen und Pseudarthrosen (neugebildete instabile Zonen an den Frakturstellen) einstellen, ist mit diesen Produkten eine Heilung oft nicht möglich. Das führt zu sehr langwierigen Behandlungsprozessen und drohender Immobilität des Patienten. Die winkelstabilen Fixateure haben eine deutlich reduzierte Mikrobewegung und eine erhöhte Fläche der stabilen Lastenübertragung nicht nur im Bereich der Platte, sondern auch an den fixierenden Schrauben. Weiteres Plus: ein Sensor auf der Platte misst die Belastung, die auf das versorgte Areal einwirkt. Dadurch konnten ganz neue, äußerst genaue Erkenntnisse über diese Belastungen gewonnen werden und im Behandlungsprozess berücksichtigt werden. Überbelastung kann vermieden und ein gezieltes, individuell abgestimmtes Training zur Unterstützung des Knochenwachstums durchgeführt werden. Durch die Sensoren kann auch die Veränderung der Belastung mit zunehmendem Knochenwachstum erfasst werden – und somit viel früher als im Röntgenbild ein Heilungserfolg beobachtet werden. Auch dies ist besonders für Patienten mit verlangsamter Heilung wichtig. Ein Beispiel: nach sechs Monaten war bei einem Patienten noch kein Knochenwachstum im Röntgenbild erkennbar. Ohne weitere Hinweise wäre eine Revision mit erneuter OP durchgeführt worden. Die Sensoren konnten aber belegen, dass ein sehr langsames Knochenwachstum begonnen hatte. Somit wurde das Implantat weiter im Körper belassen und der Therapieerfolg stellte sich ein – ein deutlicher Beleg für das Erfordernis individueller Therapieansätze.
Fazit Prof. Wolter: nach seiner eigenen Definition ist die Platte kein Intelligentes Implantat, da sie nicht selbst auf die erhobenen Daten reagiert – sie erlaubt aber eine gezielte Reaktion von außen und somit die Möglichkeit, die Therapie individuell und intelligent anzupassen.

Vortrag Dr. Wolter, Herr Nassutt

Podiumsdiskussion: Von der Idee zum marktfähigen Produkt

Unter dieser Überschrift führte Ralf Duckert, dsn Studien und Projekte, durch die abschließende Expertenrunde. Mit diesem Programmpunkt wollten die Veranstalter den Zuhörern einen Einblick in das „Tagesgeschäft“ der vertretenen Unternehmer, Mediziner und Forscher geben: wie funktioniert es, eine Innovation zur Marktreife zu bringen, wer ist beteiligt, welche Hürden gibt es?
Teilnehmer der Diskussion waren:
Dr. Hellmut Körner, Staatssekretär a. D.
Dr. Ralph Tölg, Segeberger Kliniken GmbH
Nils Reimers, Stryker
PD Dr. Maximilian Faschingbauer, Berufsgenossenschaftliches Unfallkrankenhaus Hamburg

 

Podiumsdiskussion„Stimmt denn die Behauptung von Frau Dr. Adlkofer, der Norden sei ein führender Standort?“ – mit dieser Frage provozierte Ralf Duckert direkt den Einstieg in eine lebhafte Diskussion des Podiums. Dr. Tölg zeigte sich stolz, dass die Segeberger Kliniken zu den zehn führenden Herzzentren in Deutschland gehören. „Wir sind als Klinikgruppe immer bestrebt, früh an neuen Entwicklungen teilzunehmen und unseren Patienten ein gutes Behandlungsangebot zu machen“, sagte er. Dazu gehört eine innovative Industrie vor Ort, denn die direkte Zusammenarbeit mit den Entwicklern ist notwendig, wenn neue Produkte im OP eingesetzt werden sollen. „Da sind die Entwickler am besten mit im OP, damit Fragen und Probleme gemeinsam gelöst werden können.“ Die Zusammenarbeit mit den Unternehmen kommt sehr gut zustande, wenn man als Klinik gut ist und aufgeschlossen für Innovationen, meint Tölg. „Dann kommen die Unternehmen auch direkt auf Sie zu.“Die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen Entwicklern und Anwendung bestätigt auch Nils Reimers. „Wir arbeiten weltweit, die Region ist jetzt nicht primär wichtig“, aber in Norddeutschland sind Kompetenz und Tradition entscheidende Standortfaktoren. In der Unternehmensgeschichte von Stryker spielte die Entwicklung des Marknagels durch den von Prof. Wolter erwähnten Dr. Küntscher eine entscheidende Rolle. Ideen und hohe Qualifikation der Fachkräfte sind die wichtigsten Standortfaktoren für das Unternehmen Stryker. „Produktion können Sie theoretisch ins Ausland verlagern, mit der Entwicklung geht das nicht so einfach“ so Reimers. Stryker produziert nur in Deutschland und darauf ist das Unternehmen stolz. Die Kunden zahlen für eine bessere Qualität auch etwas mehr und diese lässt sich eben nicht ohne weiteres im Ausland erzielen.

TeilnehmerInnenEin klarer Standortnachteil ist aber laut Tölg die Verschärfung des Medizinproduktegesetzes in Deutschland. Durch eine übermäßige Bürokratie sind Einzelstudien in Deutschland zu kompliziert und Studien werden zunehmend ins Ausland verlagert. Zustimmung hierzu kommt von Dr. Adlkofer (Norgenta), sie weist aber auch darauf hin, dass dieses Problem nur auf Bundesebene gelöst werden kann, hierfür ist eine stärkere Lobbyarbeit notwendig. Nils Reimers kann der Gesetzeslage dennoch etwas Positives abgewinnen: bei der Entwicklung eines resorbierbaren Pins hat Stryker eine klinische Studie durchgeführt, deren Ergebnisse in einen hervorragenden Artikel in einer medizinischen Fachzeitschrift mündeten. „Mit einem guten Artikel kann ich die Mediziner sofort überzeugen und ein viel besseres Marketing machen.“ meint Reimers. Und auch für die Verhandlung mit den Kostenträgern ist der klinische Nachweis des Nutzens unerlässlich.

„Gibt es denn überhaupt noch radikale Innovationen?“ fragt Moderator Ralf Duckert. Für Faschingbauer ist der von Litos vorgestellte winkelstabile interne Fixateur mit Sensoren durchaus eine bahnbrechende Innovation. „Sie können zukünftig noch viel mehr Informationen über das Wundmilieu gewinnen, nicht nur die Belastung messen, sondern auch die Sauerstoffversorgung oder den ph-Wert. Daraus können präzise Erkenntnisse über den Heilungsvorgang bzw. Heilungsstörungen gewonnen werden.“
Bleibt die Frage, ob diese Innovationen auch von den Krankenkassen finanziert werden. Reimers führt noch einmal das Beispiel des bioresorbierbaren Pins an. Der Vorteil des Produkts ist: es löst sich von selbst auf – dadurch wird die normalerweise erforderliche zweite Operation überflüssig. Positiv für die Kassen: diese Kosten werden gespart - zum Nachteil der Ärzte, die dadurch weniger Einnahmen haben. Das hat die Akzeptanz des neuen Produkts bei den Medizinern zunächst nicht gefördert. Stryker ist daraufhin direkt auf die Kostenträger zugegangen und hat eine höhere Vergütung für den Einsatz des Pins verhandelt – die Kassen gaben etwas von ihrer Kostenersparnis an die Ärzte zurück und im Ergebnis war dennoch eine günstigere und vor allem für den Patienten schonendere Behandlung möglich.
Grundsätzlich schafft die Abrechnung für Leistungen im stationären Sektor über DRGs (Fallpauschalen) eher ein innovationsfeindliches Klima, meint Dr. Körner, der als Staatssekretär im Wissenschafts- und Wirtschaftsministerium und im Gesundheitsministerium in Schleswig-Holstein damit seine Erfahrungen gemacht hat. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) wurde ins Leben gerufen, um sich mit der Kosten-Nutzen-Relation neuer Produkte auseinanderzusetzen und Empfehlungen an den Gemeinsamen Bundesausschuss zu geben, der über die Aufnahme von Leistungen in den Katalog der Gesetzlichen Krankenversicherungen entscheidet. Das IQWiG kann aber nur aktiv werden, wenn es von eben jenem Ausschuss einen Auftrag erhalten hat. Hier muss nach Ansicht Körners in der Medizintechnik eine stärkere Debatte geführt und mehr Lobbyarbeit geleistet werden. „Die Pharmaverbände waren dort schon viel erfolgreicher“, meint er.
Dr. Tölg hält genau an dieser Stelle die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Leistungserbringern für wichtig. Das DRG-System erlaubt den Kliniken schon, auch teurere Medizinprodukte einzusetzen, das ändert nur nichts an der Höhe der Erstattung. Da sind die Kliniken dann auch auf ein Entgegenkommen der Industrie angewiesen. Aber nur in der klinischen Anwendung können auch die Belege gesammelt werden, dass ein höherer Nutzen im Vergleich zum alten Produkt oder Verfahren besteht. „Und dieser Nachweis ist notwendig, bevor man mit den Kostenträgern verhandeln kann.“
„Ist die zunehmende Zahl chronisch Kranker nicht ein Argument für den Einsatz schonenderer Verfahren?“ fragt Duckert.
Mit den DMPs (Disease-Management-Programme) und Integrierten Versorgungsmodellen sollte die Versorgung von Chronikern verbessert und auch Leistungen außerhalb des Regelleistungskatalogs möglich werden, so Tölg. Es konnten auch Verbesserungen nachgewiesen werden, z.B. bei der Verwendung von medikamentenbeschichteten Gefäßstützen – die Wiederaufnahme in die Klinik konnte um 70% reduziert werden – aber erst in einem Zeitraum von drei Jahren. Das lässt sich im jährlichen Rechnungsabschluss der Kassen nicht darstellen. Einen Ausweg sieht er derzeit nur in Studien, die einen schnelleren Kostenausgleich belegen können.
Körner geht einen Schritt weiter: die mittelfristige Wirkung und Kostensenkung muss von Seiten der Politik stärker in den Blick genommen werden, nur zwischen Leistungserbringern und Kostenträgern wird das Problem nicht gelöst. Faschingbauer führt das Beispiel der Berufsgenossenschaften an: sie haben die Arbeitsfähigkeit im Blick und zwar nicht nur die kurzfristige wie die Gesetzliche Krankenversicherung, sondern auch die langfristige, die die Rentenversicherer interessiert. Die Trennung der Systeme führt genau in den Fällen mit mittel- und langfristigem Nutzen zu Problemen bei der Finanzierung. Die Berufsgenossenschaften agieren aus seiner Sicht hier sehr fortschrittlich und unterstützen innovative Verfahren.

„Kommen wir mal von der Akzeptanz der Leistungserbringer und Kostenträger zu den Patienten – was sind die Erfahrungen im Herzzentrum?“ fragt Ralf Duckert. Tölg: „Der Patient akzeptiert, was für ihn gut ist“. Patienten wollen nicht Versuchskaninchen sein, diesen Eindruck muss man bei neuen Verfahren und Produkten vermeiden. Aber es kann durchaus kommuniziert werden, dass das neue Verfahren besonders für seine Bedürfnisse geeignet und heilbringend ist. Aber: „auch der Patient wird Opfer des Marketing“. Damit kritisiert er, dass ein starkes Marketing der Hersteller auch die falschen Patientengruppen anspricht und die Mediziner dann vom Patientenwunsch „in die Ecke gedrängt“ werden.
Das muss auch ein Thema für die Politik sein, meint Dr. Körner. Es ist ein stärkeres Bewusstsein für das geänderte Informationsverhalten der Patienten erforderlich. Die unzähligen Informationen, besonders aus dem Internet, müssen kanalisiert werden und deren Qualität für den Patienten erkennbar sein – das ist derzeit noch nicht gegeben. Zu lösen ist dies über eine bessere Dokumentation der Behandlungsqualität, unter besonderer Berücksichtigung des Patientennutzens.

Frage aus dem Publikum: „Was halten Sie von Programmen, bei denen Hersteller, z.B. von Hüftendoprothesen, ganze Programme entwickeln, von der Vorbereitung auf die OP bis hin zur Rehabilitation, inklusive Personal- und Patientenschulungen, und das dann auch nach außen vermarkten?“
Laut Faschingbauer haben diese sogenannten Joint Care Programme durchaus Vorteile, sie sichern die Behandlungsqualität und vermitteln dem Patienten das Gefühl, für ihn sei alles geregelt. Für den Therapeuten besteht allerdings der Nachteil der Produktgebundenheit (was ja auch die Motivation für den Hersteller für das Programm ist).
Auch hier weist Tölg noch einmal auf die Gefahr des Marketings hin: es können sich wieder Patienten angesprochen fühlen, für die das beworbene Produkt oder Verfahren nicht geeignet ist, und die Kliniken laufen Gefahr ihre Patienten zu verlieren, wenn sie das nicht gut kommunizieren können.
Leider spielt nach Aussage Dr. Körners dieser anscheinend durchaus starke Patientenwunsch in den Entscheidungen des Gemeinsamen Bundesausschusses bisher keine große Rolle. Als guten Ansatz benennt er den immer wieder diskutierten Innovationsfonds, also ein extrabudgetärer Vergütungstopf für neue Verfahren und Produkte. „Wenn Sie aber die aktuelle Debatte verfolgen – das ist wieder eine reine Kostendebatte“.

Fazit derzeit: es gibt keinen systematischen Einstieg für innovative Produkte. Jedes einzelne Produkt muss neu durchgesetzt werden im Schulterschluss zwischen Industrie, Klinikern und Patientenverbänden. Die Diskussion und die vorher präsentierten Projekten zeigen aber, dass der Standort Norddeutschland hier durchaus erfolgreich agieren kann!